Zeit der Gründerinnen

17. Januar 2020

2018 waren Frauen in Tirol für 52,3 Prozent aller Neugründungen verantwortlich. Zwei Gründerinnen erzählen, warum sie den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben – und warum es ihnen noch mehr Frauen gleichtuen sollen.

Der Weg in die Selbstständigkeit sieht bei jedem ein wenig anders aus: Manche träumen seit der Kindheit vom eigenen Unternehmen und arbeiten gezielt darauf hin, andere entdecken ihren Unternehmergeist eher zufällig im Laufe ihres (Arbeits-)Lebens. Melanie Reich gehört in die erste Gruppe: Die mit 21 Jahren jüngste Piercerin Österreichs wusste schon als Kind, dass sie ein eigenes Piercing-Studio eröffnen will und hat sich diesen Traum 2019 unter dem Namen Freigeist mit einer Location in der Innsbrucker Bürgerstraße erfüllt. „Ich habe das Unternehmertum schon ein bisschen in die Wiege gelegt bekommen, bei uns in der Familie sind eigentlich alles nur Selbstständige“, erzählt sie. Außerdem habe sie sich mit dem Piercen eine Branche ausgesucht, in der man sich im Prinzip fast selbstständig machen müsse: „Da gibt es nur ganz wenige Angestellte, und das war auch ein Grund, warum ich von Anfang an gesagt habe, ich will ein eigenes Studio.“

Hilfe suchen und finden

Die junge Unternehmerin hat mit 19 ihre Ausbildung zur Piercerin am Wifi in Wien abgeschlossen und sich dann bereits einen kleinen Raum als Studio gemietet, bevor sie sich an ein größeres Studio gewagt hat. „Am Anfang waren vor allem die Kosten eine Herausforderung, und mir war auch nicht zu 100 Prozent klar, was ich alles brauche und machen muss“, erinnert sie sich. Daran gezweifelt, ob es der richtige Weg für sie ist, habe sie aber nie: „Ich hatte immer das Ziel vor Augen und hätte neben Ausbildung, Praxis und Kellnern – irgendwo musste neben den ganzen Ausgaben ja auch noch ein bisschen Geld reinkommen – gar nicht die Zeit für Zweifel und Durchhänger gehabt.“ Unternehmerische Grundkenntnisse waren nicht Teil der Ausbildung, deshalb absolvierte Reich zusätzlich ein Programm für Jungunternehmer am AMS, in dem Bereiche wie Buchhaltung, Verkauf und Marketing abgedeckt wurden.

Weitere Unterstützung fand sie schließlich beimGründerservice der Wirtschaftskammer und Vertretern der Innung der Kosmetiker. Ihre Erfahrung: „Die Hilfe ist da, aber man muss selber aufstehen und schauen, wie man sie bekommt. Man muss die Leute finden und kennenlernen und auch ansprechen, wo man Hilfe braucht.“

Gründerinnen als Gestalterinnen

Während für die meisten die mit der Selbstständigkeit verbundene Unabhängigkeit und die höhere Flexibilität in der Zeit- und Lebensgestaltung eine wichtige Rolle bei der Entscheidung spielen, liegt für Claudia Kogler, Gründerin und Geschäftsführerin des Restaurants Die Wilderin in der Innsbrucker Altstadt, der Reiz der Selbstständigkeit vor allem in der Chance, selbst gestalten und wirken zu können. Kogler hat nach dem Studium mehrere Jahre in England und München verbracht, bevor sie 2010 mit dem Wunsch, etwas Eigenes zu gründen, nach Innsbruck gezogen ist: „Ich bin nach Innsbruck zurückgekommen, weil ich mir irgendwann gedacht habe, wir müssen die Welt ein bisschen verändern – es kann nicht sein, dass wir immer gleich weitermachen, wie es gerade ist.“

Regionalität, Saisonalität und Nachhaltigkeit

Umgelegt auf Die Wilderin bedeutet das ein radikales Bekenntnis zu Regionalität, Saisonalität und Nachhaltigkeit: Es werden ausschließlich Produkte von Bauern und kleinstrukturierten landwirtschaftlichen Direktvermarktern verarbeitet, die gerade in Tirol Saison haben oder in den Vorsaisonen eingekocht wurden, das Fleisch kommt direkt von alpinen Bauern und die Tiere werden komplett verarbeitet, bevor neu bestellt wird.

Mehr trauen

Von der ersten Idee bis zur Umsetzung hat es rund zwei Jahre gedauert. „Ich habe erst mal geschaut, welche Lokale es gibt und was überhaupt möglich ist“, erzählt sie. „Das wirst du dann wieder abgelenkt und denkst dir, ich find eh nichts, wie bei einer Wohnungssuche. Und dann ist es plötzlich Schlag auf Schlag gegangen.“ Die Schlüssel für die Location bekam sie im Februar 2012, aufgesperrt wurde im März. „Ich war zwar vorher schon selbstständig und habe kleinere Sachen im Event-Bereich gemacht, aber das Gründen habe ich irrsinnig überfordernd gefunden,“ berichtet die Gastronomin. „Man hat natürlich Anknüpfungspunkte wie die WKO, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das mit dem Gewerbeschein mache und was man sonst noch alles machen muss.“ Herausfordernd war für sie damals vor allem, Selbstzweifel und mangelndes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu überwinden. „Wir Frauen trauen uns generell einfach zu wenig, glaube ich. Mehr, als auf die Nase zu fallen, kann ja nicht passieren – wie vielen Männern ist das schon passiert, und da hat niemand ein Problem damit, oder? Aber wir haben, glaube ich, immer noch ein bisschen Angst davor, etwas nicht gut genug zu machen.“ Wenn man das überwunden habe, gehe alles gleich viel besser.

Selbstständig aus Überzeugung

Obwohl das Gründen und die Selbstständigkeit gerade am Anfang sehr arbeitsintensiv und oft auch herausfordernd seien, würden sowohl Melanie Reich als auch Claudia Kogler es immer wieder machen. „Wenn jemand überlegt, ein eigenes Unternehmen zu gründen, ist mein Rat: Mach es auf jeden Fall“, meint Reich. Wichtig sei es aber, sich genau zu überlegen, was man machen will. „Man muss das verkörpern, was man macht. Das kann die Bomben-Geschäftsidee sein, aber wenn man das nicht lebt und komplett dahintersteht, kann das nichts werden“, ist sie überzeugt. Das sieht Kogler ähnlich: „Wenn du eine Idee hast, es dein Ding ist und du daran glaubst, dann mach genau das und lass dich von niemandem davon abbringen.“ Selbstständig zu sein bedeutet viel Verantwortung und harte Arbeit, deshalb brauche es neben Visionen, Empathie und Kompromissfähigkeit vor allem ein gutes Bauchgefühl und Freude an dem, was man macht.

Wenn die Idee steht, sollte man gleich einen Businessplan machen und überlegen, was man alles für die Umsetzung braucht.

Wichtig sei außerdem, immer einen finanziellen Puffer zu haben, weil es einfach Jahre gebe, in denen es eng wird. Ihr Tipp an angehende Gründerinnen: „Bau dir ein gutes Netzwerk auf, nimm Leute mit an Bord, Freunde, Bekannte, aber bleib immer du und bei dir selbst – mach immer das, was sich für dich richtig anfühlt, dann geht es dir einfach viel leichter von der Hand.“

Quelle: Bildung und Karriere 2020
Fotonachweis: Axel Springer

Melanie Reich:Die mit 21 Jahren jüngste Piercerin Österreichs
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