In Weiterbildung liegt große Chance

10. Mai 2020
Bleibt E-Learning als Chance in der Krise wirklich ungenützt? BFI Tirol und WIFI Tirol nehmen Stellung.
Ob Kurzarbeit oder Zwangsurlaub: Viele Tiroler hätten derzeit die Möglichkeit, die Zeit des Stillstands stärker für Weiterbildungsangebote zu nützen. Weiterbildungsträger wie etwa das BFI Tirol oder das WIFI Tirol haben ihre Kurse großteils bereits im März auf die Onlinewelt umgestellt, um ihren Teilnehmern die Aus- und Weiterbildung in Form von E-Learning weiterhin zu garantieren. Aber: Knapp drei Viertel der Tiroler Unternehmen gaben laut einer Umfrage von Connect Competence an (die TT berichtete), dass ihre Mitarbeiter die Zeit von Kurzarbeit oder Urlaub nicht für Weiterbildung nützen.

Diese Zahl kann seitens des BFI bestätigt werden. "Die rückläufigen Zahlen bei unseren Kursbuchungen unterstreichen das", bekräftigt Othmar Tamerl, Geschäftsführer am BFI Tirol. Er sei der Meinung, dass gerade Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit eine gute Chance wären, sich auf den neuesten Stand zu bringen und sich neu zu orientieren. Auch der WIFI-Tirol-Geschäftsführer Paul Vyskovsky stellte zu Beginn der Krise einen Rückgang der Kursteilnahmen fest: "Aus unserer Sicht war die Nachfrage nach neuen Kursen in den ersten Tagen der Krise im März nachvollziehbarerweise aufgrund der Unsicherheiten etwas verhaltener als sonst." Sowohl BFI als auch WIFI sind jedoch optimistisch gestimmt, dass der Weiterbildungsbedarf in den kommenden Monaten steigen wird. "Aktuell spüren wir, dass sowohl die Tirolerinnen und Tiroler als auch die Betriebe erkennen, dass in beruflicher Aus- und Weiterbildung und Qualifizierung eine große Chance für den wirtschaftlichen Wiederaufbau liegt - und erhalten zahlreiche Anfragen", berichtet Vyskovsky.

Nichtsdestotrotz orten beide derzeit allerdings noch wesentliche Faktoren, die die Betriebe und Mitarbeiter daran hindern. Als einen Grund nennt Tamerl die fehlende technische Ausstattung in vielen Haushalten. Viele Familien hätten nur einen PC oder Laptop zuhause, den man sich in der Familie oftmals aufteilen muss. "Einige unserer Teilnehmer verfügen nur über ein Handy als Endgerät, was das E-Learning auf Dauer schwierig macht", sagt Tamerl. Darüber hinaus müsse Aus- und Weiterbildung zeitlich geplant werden, sagt Paul Vyskovsky, aber die aktuelle Situation verkürze derzeit den Planungshorizont, aus betrieblicher Sicht und aus Sicht jedes Einzelnen. So ist beispielsweise klar, dass gerade für jene, die Kinder zu betreuen haben, Weiterbildung nur schwer durchführbar ist. "Bildung gerät daher manchmal etwas aus dem Blickwinkel - obwohl genau jetzt die richtige Zeit dafür wäre", so Vyskovsky. Neben fehlender Technik, Unsicherheit und mangelnder Planungsmöglichkeit seien die Kosten ein nicht zu vernachlässigender Faktor. "Viele Betriebe melden sich aktuell bei uns und teilen uns mit, dass sie eigentlich gerne einen Kurs buchen würden, sie sich die Buchung durch die wirtschaftliche Situation derzeit aber nicht leisten können", unterstreicht der WIFI-Geschäftsführer. So fordert Vyskovsky, dass die Bundesregierung und das AMS die Kurzarbeit mit einer zumindest 50-prozentigen Kurskostenförderung für alle Zielgruppen verknüpfen würde. "Damit würde deutlich mehr Menschen in Kurzarbeit berufliche Qualifizierung ermöglicht und die Zeit der Kurzarbeit auch sinnvoll und nachhaltig genützt werden, sagt der WIFI-Geschäftsführer und Institutsleiter. Zudem sei Kurzarbeit generell nicht für jedes Unternehmen die optimale Lösung, sagt Vyskovsky: "Oft wäre die Bildungskarenz besser geeignet."

Gerade das Kostenthema habe möglicherweise dem Erfolg von "Uni for Life", der Weiterbildungsinstitution der Uni Graz, in die Hände gespielt. Das Unternehmen hat schnell reagiert und bereits zu Beginn der Ausgangssperre drei kostenlose Online-Seminare zu den Themen "Supply Chain Management", "Leadership" und "Projektmanagement" zur Verfügung gestellt. "Wir wussten, dass die Krise nicht an uns vorbeigehen wird, und fragten uns, was wir als Weiterbildungsträger Gutes tun könnten", erklärt der "Uni for Life"-Geschäftsführer Stephan Witzel. Das Angebot musste niederschwellig, also ohne Zulassungsvoraussetzungen machbar, gratis sowie zeit- und ortsunabhängig sein. Mit aktuellem Stand vermerkte die Weiterbildungsplattform 9600 Teilnehmer aus Österreich, Deutschland, Südtirol und der Schweiz, schon am Anfang waren es über 1000 Anmeldungen. "Über die Zahlen waren wir selber wirklich überrascht", sagt Witzel ganz offen. Aufgrund der starken Nachfrage wurde das Weiterbildungsangebot bis 15. Mai verlängert.

Dennoch gab es auch in Tirol jene, die nicht zu den erfassten 68 Prozent gehören und sich die Bildungsofferten zunutze machten. "Die Nachfrage nach Schulungen ist zwar generell zurückgegangen, im Vergleich zum Vorjahr um 9 Prozent, trotzdem haben wir nach einer Auswertung unserer Homepage gesehen, dass sich etwa 600 bis 700 Menschen informierten", so Othmar Tamerl. Die zusätzlich angebotenen Webinare zu verschiedensten Themen, sei es zum Umgang mit dem Telearbeitsplatz oder die Resilienz betreffend, wurden tirolweit gut angenommen. Das Interesse nach Schulungsangeboten sei nach wie vor gegeben.

Am WIFI fanden seit Mitte März über 2400 Kurse mit über 33.000 Veranstaltungsteilnahmen online statt. Vor allem die Tatsache, wie rasch und mit wie viel Elan und Engagement sich die Tiroler auf die neue Situation und die neuen digitalen Möglichkeiten eingestellt haben, freut den WIFI-Geschäftsführer. Und auch das Wirtschaftsförderungsinstitut der WK selbst hat die Situation umfassend als Chance genutzt: "Wir haben in den letzten Wochen über 200 neue Online-Bildungsangebote geschaffen - die natürlich auch jetzt noch weiter buchbar sind", erklärt Paul Vyskovsky.

Seit Montag dieser Woche sind der WIFI-Campus in Innsbruck sowie alle Bezirksstellen wieder geöffnet. Auch das BFI Tirol möchte wieder mit Präsenzterminen starten. Vor allem deshalb, weil nicht alle Angebote online abbildbar seien, sagt Tamerl. Ob es in Zukunft im gesamten Bildungsmarkt einen nachhaltigen Digitalisierungsschub geben muss, bejahen Tamerl und Vyskovksy. Den Trend sieht der WIFI-Geschäftsführer jedoch in Richtung Blended Learning, also "der Verbindung des praktischen Lernens vor Ort in den Bildungseinrichtungen mit dem Online-Lernen". Praktisches Lernen lasse sich nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen, so Vyskovsky.

Hier finden Sie die Tirols Weiterbildungsangebot!

Quelle: Tiroler Tageszeitung, 9. Mai 2020, Nina Zacke

Knapp drei Viertel der Mitarbeiter in Tiroler Betrieben nützen Kurzarbeit & Co nicht für Weiterbildung.
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